Über 100 Spieler füllen die Mensa der Schule Alter Teichweg. Stimmengewirr, klackernde Figuren, hin- und herlaufende Personen – laut, hektisch, chaotisch. Die Paarungen der 1. Runde werden verlesen, die Mannschaften suchen ihre Plätze, das Wort des Landesturnierleiters Hendrik Schüler geht im Lärm beinahe unter.
Dann fällt der Startschuss – und plötzlich herrscht Stille.
Die Luft ist geladen. Herzklopfen, schwitzige Hände, schnelle Atmung. Puls und Blutdruck steigen – Adrenalin pur. Der Tunnelblick setzt ein: Alles andere verschwindet. Nur das Brett, die Figuren und die nächste Sekunde zählen. Nicht die Suche nach dem perfekten Zug steht auf dem Programm, sondern Pragmatismus: schnell und möglichst gut ziehen. Zwei oder drei Kandidatenzüge kurz anrechnen, Muster abrufen – der Rest ist Intuition.
Mitten in diesem Spannungsfeld mischten drei Teams von Königsspringer kräftig mit.
Als Titelverteidiger gestartet, wollte unsere 1. Mannschaft erneut ganz vorne angreifen. Mit 16:6 Mannschaftspunkten und 31 Brettpunkten erreichten wir Platz 3 – verbunden mit der Qualifikation zur Norddeutschen Blitzmannschaftsmeisterschaft am 28. März in Berlin.
Für Königsspringer I spielten Jule Z., Präsi Petzi, Max Bo, Frank und Jule S. Dass der Titel diesmal knapp verpasst wurde, lag – so wird zumindest augenzwinkernd gemunkelt – einzig und allein daran, dass die Mannschaft mit fünf Spielern rotierte und dadurch etwas aus dem Rhythmus kam. Um jedoch den Siegeslauf von Jule S. nicht zu gefährden, wurde beschlossen, ihn erst auszuwechseln, wenn er einen Punkt abgegeben hätte. Dazu kam es nicht: 10 aus 10 lautete die phänomenale Bilanz. Erst danach folgte die wohlverdiente Pause. Chapeau! (Anm. d. Red.: Der bescheidene Autor gab selbst auch nur einen halben Zähler ab!)
„Jugend trifft Erfahrung“ lautete das Motto unserer 2. und 3. Mannschaft.
Unsere 2. Mannschaft belegte einen starken 4. Platz: Levi am Spitzenbrett, Willi und Max W. stabil und zuverlässig punktend. Raphael komplettierte das Team, das sich über weite Strecken des Turniers an den vorderen Brettern behauptete. Für die Jugendlichen war das Turnier sicherlich eine wertvolle Erfahrung.
Die 3. Mannschaft erreichte einen hervorragenden 6. Platz unter 28 Teams. Jörg erzielte starke 8,5 Punkte, und besonders bemerkenswert: der erst 11-jährige Ove holte 50 % der Punkte gegen fast durchweg nominell stärkere Gegner – bärenstark.
Ein echtes Wechselbad der Gefühle – und den besonderen Reiz des Blitzschachs – erlebte ich in meiner Partie der 10. Runde.
Ich saß „Lord Weber“ gegenüber, der ebenso wie Willi gut in unserer 1. Mannschaft hätte spielen können. Max spielte die Eröffnung perfekt – ich kannte sie nicht besonders gut. Schon nach wenigen Zügen zwingt er mich zum Nachdenken und hämmert seine Züge mit tödlicher Präzision aufs Brett. „Serve-and-Volley“ – das Schlimmste, was einem in der Eröffnung passieren kann.
Ich greife mir zwei abgetauschte Bauern und spiele damit herum – mein kleines „Fiddling“, ein Blitzableiter gegen den wachsenden Stress.
Doch der Sturm ist gnadenlos: Ich übersehe etwas, verliere zwei Bauern, mein König steht offen – eigentlich aufgabereif. Max hat allerdings nicht mehr viel Zeit. Ich muss Probleme stellen, Chaos stiften. Genau das gelingt. Ich gewinne eine Figur, doch er hat immer noch mehr als ausreichende Kompensation. Das Spiel ist inzwischen völlig irrational geworden.
Statt meinen offenen König anzugreifen, tauscht Max die Damen – Glück für mich.
Adrenalinkick pur: Ich opfere meine Mehrfigur, um einen Bauern durchzudrücken. Er muss den Turm geben. Zunächst denke ich, ich gewinne locker. Doch dann zeigt sich: Mein Turm hat große Mühe, seine Freibauern zu stoppen. Remis? Sieg? Keine Ahnung. Beide haben nur noch Sekunden auf der Uhr.
Dann – fast rein intuitiv – gelingt es mir, erst den einen, dann auch den zweiten Bauern zu stoppen.
Erleichterung. Euphorie.
Blitzschach in Reinkultur: schnell, brutal, emotional, intensiv.
Die Partie zeigt exemplarisch, wie schnell sich das Blatt in der Blitzpartie drehen kann, und warum Intuition und Pragmatismus oft wichtiger sind als Berechnung.
Wer als 1.d4-Spieler eine „Serve-and-Volley-Variante“ gegen Slawisch sucht, für den mag meine abschließende Kurzpartie gegen SKJE anregend sein. Schwarz muss hier 9…dxc4 spielen. Wer das nicht weiß, gerät schnell unter Druck. (Nachspielen durch Klicken auf Notation)
Wer sich für Tabellen und den vollständigen Turnierverlauf interessiert, findet alle Details im Bericht des Hamburger Schachverbandes (https://www.hamburger-schachverband.de/).
(Frank Hagenstein)



