Mit Fiete und Ove konnten in diesem Jahr gleich zwei Königsspringer den Landesmeistertitel in ihren jeweiligen Altersklassen U10 und U12 erringen. Beide qualifizierten sich hiermit für die Teilnahme an der in der letzten Maiwoche ausgetragenen deutschen Jugendeinzelmeisterschaft in Willingen (Sauerland), dem mit ungefähr 800 teilnehmenden Kindern und Jugendlichen größtem Jugendschachevent in Deutschland. Ich durfte als Trainer für die Hamburger Delegation mitfahren und die beiden bestmöglich in ihrer Partienvorbereitung unterstützen. Weitere Unterstützung gab es von den beiden Mitreisenden Vätern Simon und Peter.
Die Meisterschaft ist nun seit einer Woche vorbei und ich genieße eine Woche Urlaub auf Korsika. Neben Entspannung die perfekte Gelegenheit, die Meisterschaft in diesem Bericht Revue passieren zu lassen. DJEM, was bedeutet das? Das bedeutet über eine Woche vor allem sehr viel Schach. Aufstehen, Essen, Partie spielen, Essen, nachbereiten, Essen, vorbereiten, Schlafen gehen. So oder in ähnlicher Reihenfolge sehen die Tage aus. Neben den zum Glück häufigen Tagen mit einer Runde gibt es mit dem Sonntag als Starttag und dem Mittwoch gleich zwei Tage mit Doppelrunden. Diese Tage stellen für Spielende und Trainer eine besondere Herausforderung dar.
Fiete, U10 (www.deutsche-schachjugend.de/2026/dem-u10/spieler/33)
Für Fiete war es die erste Teilnahme an einer Deutschen Meisterschaft. Sein Turnier lässt sich in drei Phasen unterteilen.
An Position 33 von 58 Teilnehmenden gesetzt, durfte er knapp in der unteren Hälfte startend gleich in der ersten Runde gegen den späteren 5. platzierten Jad Besou aus NRW antreten. Nach einem fulminanten Auftaktremis mit durchaus vorhandenen Siegeschancen durfte er auch in Runde 2 (Lukas Stanisic aus Berlin, Remis) und Runde 3 (Oscar Reese aus Schleswig-Holstein, Niederlage) gegen deutlich favorisierte Gegner antreten.
Nach soliden 1/3 gegen einen Gegnerschnitt von ca. 1650 DWZ folgte in Runde 4 gegen Emil Dold (Württemberg) leider ein ordentlicher Dämpfer. Fiete konterte wunderbar das preußische Spiel seines Gegners, verlor dann aber bei mehreren Möglichkeiten den Überblick.
Danach war der Wurm drin. Sowohl in Runde 5 (Kiril Zhykh, Brandenburg) als auch in Runde 6 (Lev Gurevich, Saarland) erarbeitete sich Fiete die bessere Stellung, konnte diese aber nicht verwerten und musste sich schlussendlich mit einer Punkteteilung zufrieden geben. Die Niederlage belastete ihn und es dauerte ein wenig, bis er wieder in sein Spiel hineinkam.
Der Befreiungsschlag aus dieser Situation folgte in Runde 7 mit einem ungefährdeten Sieg gegen Kirill Patrakov aus Mecklenburg-Vorpommern. In Runde 8 erarbeitete er sich wieder eine gute Stellung, die jedoch nur für ein Remis reichte (Leon Oremek aus Rheinland-Pflalz). In Runde 9 lief es genau anders herum. In unterlegener Stellung erkämpfte er sich ein Remis gegen Pranav Nalam (Württemberg).
Fiete beendete das Turnier mit 4/9 auf dem 39. Platz, ungefähr in Setzlistennähe. Auch wenn er selbst mit diesem Turnier nicht zufrieden ist, wird er sehr viel Hilfreiches aus dem Turnier für seine persönliche und schachliche Entwicklung mitnehmen können. Er hat gezeigt, dass er locker und entspannt mit deutlich stärkeren Gegnern nicht nur mithalten, sondern sie auch an den Rand des Abgrunds zwingen kann. Ebenso musste er mit der Favoritenrolle zurechtkommen und versuchen sich gegen ambitioniert spielende, vermeintlich schwächere Gegner zu behaupten. Dies ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die immer mit Erwartungsdruck – von innen und von außen – einhergeht. Den Umgang damit zu lernen ist schwierig, vor allem in Turnieren, die einfach nicht laufen wollen. Fiete spielte großartige Eröffnungen und hatte in fast jeder Partie Siegeschancen – und die manchmal noch fehlende Ruhe wird er mit Sicherheit auch noch finden.
Ove, U12 (www.deutsche-schachjugend.de/2026/dem-u12/spieler/12)
Ove ist DJEM-erfahren. Bei seiner bereits vierten Teilnahme durfte er sich erstmals zum erweiterten Favoritenkreis auf das Podest zählen und von Rang 12 unter 70 Teilnehmenden starten.
Gleich zum Auftakt durfte er gegen die letztjährige U10 weiblich Deutsche Meisterin Sona Bashirova aus Berlin antreten. Konnte er hier seine Favoritenrolle nicht durchsetzen, zeigte er seine Spielstärke umso mehr in Runde zwei und drei, in denen er Theo Heilmann (NRW) und seinen Hamburger Delegationskollegen Jakob Marx besiegte.
Mit 2,5/3 erwartete ihn seine bis dahin größte Herausforderung mit dem Setzlistenvierten Aadith Ranganathan aus Bayern. In einer Caro-Kann Dc7 Variante ließ er nichts anbrennen, hatte die gesamte Partie über die leicht bessere Stellung und wickelte in ein Remis ab.
Nach diesem starken Start (3/4) begann aber leider eine Serie, die sich in diesem Turnier als „Der Fluch der 1700-er“ herausstellen sollte.
Konnte er sich in Runde 5 gegen Rafael Bergmann (Berlin) noch ins Remis retten, erwischte ihn in Runde 6 Alexander Blem (NRW). Beide Male gab es giftige Eröffnungen, die nachteilig für Ove endeten.
Einem Sicherungsremis in Runde 7 (Johannes Dombert, Bayern) folgten zwei weitere Niederlagen gegen Jakob Grimm (Berlin) und Kyllian Tanukusuma (Niedersachsen).
Gerade die zweite Hälfte mit 1/5 verlief somit sehr enttäuschend für Ove. Stets favorisiert, musste er sich diesen gefährlichen 1700-ern stellen, die alle unbedingt gegen ihn punkten wollten. Ein versöhnlicher Abschluss blieb leider aus. Ich bewundere sein Durchhaltevermögen, das er in dieser Situation gezeigt hat. In jeder Partie hat er alles gegeben und konnte seine Enttäuschung der vorherigen Runde in Ansporn für die Folgerunde umwandeln. Am Ende erlangte er 4/9 Punkte und Platz 41.
Für mich als Trainer war es ebenfalls eine besonders spannende Erfahrung, die ich nicht vermissen möchte. Neben Ove und Fiete durfte ich noch vier weitere Kinder von 7-12 Jahren betreuen. Das führt insbesondere bei Doppelrunden zu einem besonders straffen Zeitplan. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen mitreisenden Elternteilen bedanken, durch deren grandiose Unterstützung eine gute Vor- und Nachbereitung der Partien angeboten werden konnte und durch die – auch wenn es mal nicht so gut lief – die Motivation und Stimmung immer wieder aufgebaut wurde. Mich persönlich hat die Woche sehr motiviert, mich auch in Zukunft weiter im Jugendschach und vor allem im Jugendtraining in unserem Verein einzubringen.
Insgesamt hatten wir eine anstrengende, nervenaufreibende Woche mit Höhen und Tiefen. Zusätzlich bietet Willingen abseits vom Brett allerhand Ablenkung. Sei es bei der Sommerrodelbahn, dem Lagunenbad oder einfach diversen Sport- und Freizeitmöglichkeiten, die vor Ort angeboten werden. Und natürlich wurden diese Möglichkeiten, wenn es die Zeit zuließ, genutzt. Uns hat die Woche sehr gut gefallen und ich bin mir sicher, dass beide nicht das letzte Mal hier gewesen sind, um sich mit den Besten der Besten aus Deutschland zu messen.
(Julian Schwarzat)

