Nach dem knappen Verpassen der direkten Qualifikation und der Ablehnung unseres Freiplatzantrags schien die DVM U10 dieses Jahr zunächst ohne uns stattfinden zu müssen. Der Rückzug von Blankenese eröffnete uns dann aber doch noch die Chance zum Nachrücken, die wir auch ohne Zögern beim Schopfe packten. Austragungsort war Stuttgart, das wir in gut fünf Stunden per Direktverbindung sehr komfortabel erreichen konnten (dies brachte uns ein paar neidvolle Blicke unserer U14-Mannschaft ein, die den deutlich mühsameren Weg nach Plauen auf sich nehmen musste). Die Zugfahrt wurde nicht nur zum Spielen und Vorbereiten genutzt,
sondern – fast schon traditionsgemäß – auch mit einer Zugdurchsage als Beitrag zur „Schach im Zug“-Challenge:
Auf der Großbaustelle Stuttgarter Hbf konnten wir auch Dank der Tipps unserer Vorhut Piotr und Christophe die Übersicht bewahren und uns beim Erklimmen der Anhöhe das mühsame Treppensteigen ersparen. Die Internationale Jugendherberge, wo wir schliefen und spielten, beindruckte uns sofort durch den Panoramablick über den Stuttgarter Talkessel. Melissa und Emlijan übernachteten außerhalb, statteten uns aber natürlich tägliche Besuche ab.

Schachlich war klar, dass uns ein rauher Wind ins Gesicht wehen würde und an eine Wiederholung des sensationellen 7. Platzes vom Vorjahr nicht zu denken war. Während unsere Mannschaft Oves „Abgang“ in die U 12 verkraftenen musste, hatte der DWZ-Schnitt der übrigen Teams nochmal kräftig zugelegt. So fanden wir uns auf Setzlistenplatz 34 von 40 Teams. Immerhin hatten wir mit Fiete, Luan und Christophe wir drei sehr turnier- und auch schon DVM-erfahrene Spieler am Start, die zeigen wollten, dass sie momentan vielleicht etwas unterbewertet sind. Für Ava und Levin war es hingegen das erste überregionale Turnier.

In Runde 1 ging es gegen die deutlich vor uns gesetzte Mannschaft von Noris Tarrasch Nürnberg. Die Spieler beider Teams zeigten große Anzeichen von Nervosität und machten sich haufenweise Geschenke (vielleicht waren sie auch noch in Weihnachtsstimmung). Luan gelang das Kunststück, schon nach vier Zügen eine Figur einzustellen und trotzdem ca. weitere zehn Züge später auf Gewinn zu stehen, den er dann auch sicher nach Hause brachte. Auch Ava an Brett 4 bekam eine Riesenchance zum Turmgewinn, ließ sie aber leider verstreichen und verlor. Fiete, der sich mutig Brett 1 zugetraut hatte, hielt lange Zeit völlig problemlos mit, beging dann aber leider Selbstmord im Bauernendspiel, das zwischenzeitlich sogar für ihn gewonnen war. Chancenlos verlor nur Christophe, der den Theoriezug gegen Schottisch eigentlich kannte, aber lieber etwas anderes ausprobieren wollte. Das Ergebnis von 1:3 ging auf dem Papier in Ordnung, ließ uns aber erstmals den verpassten Gelegenheiten nachtrauern.

In Runde 2 wartete der TTC Fritzdorf. Luan ging dieses Mal in der Eröffnung deutlich sorgfältiger zu Werke und konnte sich gute Angriffschancen erspielen, die er dann allerdings nicht konsequent verfolgte. Nach einem unbedachten Bauernzug fand er sich plötzlich in einem hoffnungslosen Endspiel wieder. Levin verlor derweil klar an Brett 4, und auch Fiete an Brett 1 konnte nie recht Tritt fassen. Das Ehrenremis holte Christophe, der allerdings gleich zwei Mal auch den ganzen Punkt hätte holen können: erst im frühen Mittelspiel durch einen Königsangriff, dann im Bauernendspiel.
Nun waren wir buchstäblich im Keller angelangt, denn die Bretter 17-20 spielten nicht im großen Saal, sondern in einem kleinen Nebenraum, zu dem man einige Stufen herabsteigen musste. Gegen das Schachzentrum Bemerode wollten wir die Trendwende schaffen und zunächst sah es auch gut aus. Zwar verlor Ava an Brett 4 bei einer längeren Abwicklung die Übersicht bei der Materialzählung (die vermeintliche Mehrfigur entpuppte sich plötzlich als Minusqualität), dafür entwickelten sich die Bretter 1-3 sehr erfreulich für uns. Nun allerdings beging ich als Betreuer einen entscheidenden Fehler: Ich teilte die positive Entwicklung über unsere teaminterne WhatsApp-Gruppe mit, und prompt kippten natürlich alle Partien: Fiete verwandelte sein vorteilhaftes Turmendspiel mit wenigen Blitzzügen in eine rauchende Ruine, Luan stellte seinen Mehrbauern ein und verpasste im Bauernendspiel auch noch das Remis, und Christophe verpasste den K.o.-Schlag und ließ seinen Gegner zurück in die Partie, die dann natürlich auch noch verloren ging. Statt dem erhofften 3:1 also ein ernüchterndes 0:4 und das Zwischenfazit, dass vor dem Turnier offensichtlich mehr Endspieltraining gut getan hätte. Die Spieler ließen sich zum Glück nicht lange die Laune verderben und fanden Zerstreuung bei Tischfußball und Krimispiel.


Mit neuem Mut setzten sie sich am Folgetag gegen Vorwärts Orient Mainz zu Runde 4 an den Tisch. Levin gewann schnell eine Figur und blies ohne Umschweife zum Mattangriff. Da half es seinem Gegner auch nicht, dass er einen von Levin unbeobachteten Moment nutzte, den eigentlich schon angefassten, aber gedeckten Bauern doch nicht mit seiner Dame zu schlagen. Christophe erhöhte bald auf 2:0. Er hatte seinen Gegner erneut aus schlechter Stellung entwischen lassen, bekam aber eine zweite Chance und nutzte sie. Fiete wiederholte leider das schon bekannte Muster: starke Eröffnung und starkes Mittelspiel, im Endspiel dann plötzlich eine Kurzschlussreaktion. Nun hing es beim Stand von 2:1 an Luans Partie. Er hatte seinen Gegner mustergültig überspielt und starken Angriff entfaltet. Zudem war sein Gegner in hochgradiger Zeitnot. Trotz zäher Verteidigung ging irgendwann ein Springer verloren, wonach die Partie eigentlich gelaufen war. Nun aber geschah etwas Erstaunliches: Die Stellung war so geschlossen, dass es für Luan trotz ganzer Mehrfigur anscheinend kein Durchkommen gab. Selbst inzwischen sehr knapp an Zeit, willigte Luan schließlich zutiefst enttäuscht ins Remis ein und dachte, er hätte den Mannschaftssieg verspielt. Nachdem ihm seine Mitspieler erklärt hatten, dass sie Dank seines Remis 2,5:1,5 gewonnen hatten, kehrte schnell das Lächeln in Luans Gesicht zurück. Mit einem Bauernopfer hätte er tatsächlich noch gewinnen können, aber das war bei knapper Zeit nicht leicht zu sehen.
In Runde 5 hieß der Gegner Werder Bremen, was aus Hamburger Sicht natürlich immer ein Prestigeduell ist. Erneut konnten wir an Brett 4 schnell in Führung gehen, dieses Mal durch Ava. Christophe erhöhte bald auf 2:0. Fiete hatte mit einem uralten Eröffnungstrick eine Figur gewonnen und schien ebenfalls dem sicheren Sieg entgegenzusegeln. Als sein Gegner eine kleine Verzweiflungstaktik auspackte, der an der Stellungsbewertung eigentlich nichts änderte, sah Fiete seinen Moment zur Sicherung des Mannschaftssieges gekommen: Er überzeugte sich kurz von der 2:0 Führung und machte seinem Gegner mit ausgestreckter Hand ein Angebot, das dieser nicht ablehnen konnte: „Remis?“ Der Gegner willigte mit Achselzucken ein und wir hatten den zweiten Mannschaftssieg unter Dach und Fach. Luan konnte aus einer Verluststellung nach einem Fehler seiner Gegnerin sogar auch noch gewinnen und auf 3,5:0,5 erhöhen.
Zu Runde 6 waren wir raus aus dem Keller und wieder im großen Spielsaal. Gegen Freiburg Zähringen geriet Ava zwar in einen tödlichen Angriff auf der offenen g-Linie, dafür sah es an der übrigen Brettern wieder schnell gut aus. Aus Erfahrung klug geworden, unterließ ich optimistische Zwischennachrichten. So konnte Christophe seinen dritten Sieg in Folge einfahren und Fiete seinen ersten Turniersieg überhaupt. Luan hatte einen Mehrbauern im Endspiel und holte schließlich ebenfalls den ganzen Punkt. Damit war der Hattrick perfekt: nach drei Niederlagen an Tag 1 standen drei Siege an Tag 2 zu Buche! Am Abend konnte dies mit einer Werwolf-Runde gefeiert werden, der eigentlichen Hauptdisziplin der Königsspringer.

In der letzten Runde gegen die Schachfreunde Brackel wollten wir die Serie natürlich fortsetzen und uns in der oberen Tabellenhälfte platzieren.

Leider riss unsere Glückssträhne aber schon vor dem Rundenbeginn: Fiete wurde plötzlich krank, sodass wir neu aufstellen und unsere Vorbereitung zu Makulatur wurde. Der Kampf entwickelte sich leider sehr einseitig, nur Christophe hatte die Chance auf klaren Vorteil und hätte durch ein Dauerschach zumindest einen halben Zähler mitnehmen können. Sein Mut, weiter auf Angriff zu spielen, wurde leider nicht belohnt, sodass es am Ende 0:4 hieß.
Damit beendeten wir das Turnier mit ein leicht negativen Punktebilanz auf Platz 29, immerhin etwas oberhalb unseres Setzlistenplatzes. Fiete, Luan und Christophe sahen, dass sie auch gegen 100-200 DWZ-Punkte stärkere Gegner gut mithalten können, dass sie aber sich bietende Gelegenheiten besser nutzen und vor allem in Endspielen noch wachsamer sein müssen. Ava und Levin hatten es erwartungsgemäß schwer, jeweils aber auch ihre Erfolgserlebnisse (auch im Begleitturnier). Levin konnte sogar mit seiner ersten DWZ nach Hause fahren.
Sieger wurde die TSG Oberschöneweide, die sich in der letzten Runde gegen den Favoriten HSK durchsetzen konnte. Für hitzige Diskussionen unter den Betreuern sorgte ein Streitfall aus Runde 6, bei dem das Schiedsgericht mit Hilfe der Auswertung des DGT-Bretts das bewusste Anfassen einer Figur nachwies und das am Brett gespielte Ergebnis am grünen Tisch umkehrte. Die Organisation war insgesamt sehr gut, allerdings brachte die große Zahl der Teilnehmer und Begleitpersonen die Jugendherberge an ihre Kapazitätsgrenze.
Auch die Heimfahrt verlief ohne Probleme und wurde u.a. zum Verfolgen der Blitz-WM genutzt. Fiete, Christophe und Levin können ein weiteres Jahr U 10 spielen und wollen versuchen, sich noch einmal zur DVM zu qualifizieren.

(Jan Peter Schmidt)
Alle Ergebnisse und Partien gibt es hier: https://www.deutsche-schachjugend.de/2025/dvm-u10/

