NDVM U16 in Osnabrück – Königsspringer löst das Ticket zur Deutschen Meisterschaft!

16. September 2026

Nach dem überaus knappen und unglücklichen Verpassen der Qualifikation durften wir dank Freiplatz doch noch zur Norddeutschen Vereinsmannschaftsmeisterschaft U16. Ausrichter war der Hagener SV, Spielort die Jugendherberge von Osnabrück. Die Mannschaft bestand aus Levi, Magnus, Simon, Rafael und Matheo und wurde von mir betreut.

Auf der Hinfahrt gönnten wir uns ein ICE-Ticket und kamen pünktlich und ohne Umsteigen in Osnabrück an, wo wir am Bahnhof auf die – per Regionalzug gereisten – beiden anderen Hamburger Teams trafen, Blankenese und HSK. Die Jugendherberge fanden bei unseren NDVM-erfahrenen Spielern sogleich Anklang („besser als Plauen, besser als Magdeburg!“).

Bei 18 Teilnehmern an Nr. 10 gesetzt, konnten wir uns schnell ausrechnen, dass es in Runde 1 gegen das an Nr. 1 gesetzte Team aus Braunschweig gehen würde. Wir spielten uns Druck und wollten es den klar favorisierten Gegnern einfach nur so schwer wie möglich machen. Tatsächlich sah es nach 1,5 Stunden sogar überraschend gut aus: Simon an 3 hatte eine ganze Qualität mehr und damit eine technische Gewinnstellung, und auch Magnus an 2 hatte nach zweifelhafter Eröffnung inzwischen die Initiative übernommen. Rafael an 4 sah sich hingegen nach ungenauem Spiel in der Eröffnung in einen starken Angriff auf seinen König ausgesetzt. Bei Levi an 1 war die Stellung unklar.

Leider kippte der Kampf wenig später, als Magnus überoptimistisch wurde und sich zu einem ruinösen Bauernzug hinreißen ließ, der taktisch sofort widerlegt wurde. 0:1. Auch Rafael gelang es nicht mehr, die Stellung zu halten, sodass wir plötzlich nur noch auf ein 2:2 hoffen konnten. Zu allem Überfluss wendete sich das Blatt nun auch noch bei Simon: Bei dem Versuch, seinen Materialvorteil zu verwerten, hatte er seinen eigenen König zu sehr entblößt und dem Gegner so einen tödlichen Angriff ermöglicht. Damit standen wir nach anfänglicher Zuversicht mit einem ernüchternden 0:3 da, und auch Levi kämpfte nun ums Überleben. Mit großem Kampfgeist und guten Nerven konnte er die Stellung aber halten und damit wenigstens das Ehrenremis holen. Rückblickend wussten wir, woran es in Runde 1 noch fehlte: an der Nussmischung von Lidl, die uns unschlagbar machen sollte (und die auch sonst zu empfehlen ist).

Die Sponsoring-Verhandlungen laufen noch …

 

In Runde 2 trafen wir auf die Gastgebermannschaft aus Hagen und waren auf dem Papier erneut der Underdog. Für Simon rückte an 4 Matheo ins Team. Zunächst entwickelte sich der Kampf wenig vielversprechend: Magnus vergab nicht nur früh seinen Weißvorteil, sondern musste sogar schon aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen. Zum Glück erkannte er rechtzeitig die Gefahr, stabilisierte seine Stellung und bot Remis an – sein stärkster Zug in dieser Partie. Der Gegner war, trotz immer noch besserer Stellung, mit einem halben Punkt offenbar zufrieden und willigte ein. Noch ärger lief es bei Rafael an 3: Er hatte mit Schwarz eigentlich problemlos ausgeglichen, steuerte dann aber ohne jede Not ein schlechtes Endspiel an, was tatsächlich auch bald verloren war. 0,5:1,5.

Die beiden noch laufenden Partien gaben indes Hoffnung. Levi an 1 hatte sich einen schönen Vorteil in Gestalt des Läuferpaares herausgespielt, und Matheo an 4 hatte zwar im frühen Mittelspiel zwar einen klaren Vorteil vergeben, stand aber jedenfalls nicht schlechter. Mit einer hübschen Mischung aus strategischen Manövern und sauberer Variantenberechnung brachte Levi seinen Vorteil dann auch sicher nach Hause und stellte den Ausgleich her. Nun keimte sogar wieder Hoffnung auf einen Mannschaftssieg auf, denn Matheo war es gelungen, ein Endspielt mit gutem Springer gegen schlechten Läufer zu erreichen. Doch obwohl sein Pferdchen noch große Strecken auf dem Brett zurücklegte und mal hierhin, mal dorthin zu springen drohte, konnte sein Gegner die Stellung ohne größere Schwierigkeiten halten. Mit dem 2:2 waren wir insgesamt zufrieden. Dass es der Beginn einer fast schon unheimlichen Serie sein sollte, ahnten wir zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht.

Die Runden 3 und 4 sind schnell erzählt: Gegen Hellas Nauen und Bremen Nord waren wir jeweils in der Favoritenrolle, der wir mit einem 4:0 und einem 3:1 auch voll und ganz gerecht wurden. Magnus und Levi holten jeweils souverän 2/2, wonach Levi am schwierigen Brett 1 schon bärenstarke 3,5/4 vorweisen konnte. Simon und Matheo konnten erste Siege einfahren und somit ebenfalls Selbstvertrauen tanken, Rafael nach seinem unglücklichen Start immerhin seinen ersten halben Zähler holen.

An Tag drei des Turniers hieß es wieder, sich gegen die starken Teams zu beweisen. In Runde 5 warteten die an Nr. 4 gesetzten Königsjäger aus Berlin-Zehlendorf, mit denen wir noch eine Rechnung aus dem Vorjahr offen hatten. Es sollte die Sternstunde von Magnus werden: Er bestrafte die ungenaue Eröffnung seines Gegners mit einem starken Bauernzug, der die gegnerischen Figuren einschnürte. Systematisch erhöhte Magnus in der Folge den Druck, bis der Gegner Material geben musste. Auch im Endspiel mit Mehrqualität ließ Magnus nicht nach und erstickte jegliches Gegenspiel im Keim. Ein grandioser Führungstreffer!

Levi hatte mir derweil mein bestes Pokerface abverlangt: Ein allzu sorgloser Zug in der Frühphase der Partie gestattete dem Gegner eine wunderschöne Mini-Kombi mit Damenopfer. Der Gegner überlegte intensiv und schien sich nur noch zu vergewissern, dass die Variante auch wirklich funktioniert. Dann zog er aber etwas anderes und ich konnte aufatmen. Nach der Partie fielen beide aus allen Wolken, als ich ihnen von der goldenen Möglichkeit erzählte.

Wir blieben also in Führung und konnten durch solide Remisen von Simon und Rafael bereits mindestens einen Mannschaftspunkt absichern. Wenig später konnte Levi in besserer Stellung remisieren und so den 2,5:1,5 Sieg perfekt machen!

Zur Belohnung gab es in Runde 6 den nächsten starken Gegner, das an Nr. 5 gesetzte Team aus Lichtenberg. Ich schärfte Magnus vor der Partie noch ein, dass man nach einer so starken Partie, die den Adrenalinpegel ordentlich steigen lässt, besonders auf der Hut sein muss, aber leider nützte es nichts: Magnus lieferte die wahrscheinlich kürzeste Verlustpartie des ganzen Turniers ab …

Nun liegt ein Schlüssel für erfolgreiche Mannschaftsturniere darin, dass immer dann, wenn ein Spieler gerade einen Einbruch hat, ein anderer zu großer Form aufläuft. Genau dies tat Matheo, der sich vom Mittelgambit seines Gegners nicht beeindrucken ließ, mit einfachen und logischen Zügen die Initiative an sich riss und dank sauberer Variantenberechnung furchtlos Material einsammelte. Ausgleich zum 1:1!

Bei Levi entwickelte sich nach ruhiger Eröffnung eine zunehmend taktische Partie, in der Levi bald am Drücker war, aber nur noch wenig Zeit hatte. Leider konnte er nicht verhindern, dass sich zu viel Material abtauschte und er ins Remis einwilligen musste. Nun hing es an Rafaels Partie. Er hatte sich nach etwas missglückter Eröffnung wieder berappelt, dabei allerdings auch viel Zeit verbraucht. Die Angriffsversuche des Gegners wehrte er ruhig ab, ließ dabei aber weiter die Uhr runterlaufen und meinen Puls steigen. Dass er einem Figurentausch aus dem Weg ging, anstatt die Stellung weiter zu vereinfachen, trug ebenfalls nicht zu meiner Gelassenheit dabei. Zum Glück fand der Gegner aber keinen Weg mehr, Drohungen aufzustellen, und so holte Rafael ein weiteres wichtiges Remis. Mit dem 2:2 waren wir hochzufrieden, zumal nach dem frühen Rückstand.

Zu unserer eigenen Überraschung hatten wir uns damit an Brett 1 vorgekämpft, wo in der letzten Runde der vorzeitige Turniersieger aus Barnim wartete. Wir sagten uns, dass wir ein gutes Turnier schon jetzt in der Tasche hatten und alles weitere Bonus wäre. Die Barnimer Spieler machten durch ihre Körpersprache und ihre Züge unmissverständlich klar, dass sie uns nichts schenken und ihre weiße Weste behalten wollten. Tatsächlich sah es nach ca. 1 Stunde so aus, als sollte unser schöner Lauf jäh beendet werden, denn an allen vier Brettern standen wir schlechter. „It was fun while it lasted“ würde ein passender Spruch für den Bericht sein.

Als ich das nächste Mal den Turnierraum betrat, rieb ich mir jedoch verwundert die Augen. Simon, den ich besonders in Gefahr gesehen hatte, hatte plötzlich eine Mehrfigur und stand komplett auf Gewinn! Wie war dies zugegangen? Er hatte seine Gegnerin, die sich vermutlich dem Gewinn schon nahe wähnte, in eine listige Falle gelockt. Bei der Verwertung seines Materialvorteils ließ Simon nichts mehr anbrennen und er setzte schnurstracks matt. Und damit nicht genug: Matheo, der dem Gegner einen lästigen gegnerischen Freibauern auf der 6. Reihe gewährt hatte, konnte sich durch Materialtausch befreien und das vorgepreschte Bäuerchen einfach einsammeln. Im entstehenden Turmendspiel hatte Matheo nicht nur einen Mehrbauern, sondern auch die besseren Figuren. Er ließ dem Gegner keine Chance mehr, und ich konnte dem mitfiebernden WhatsApp-Chat das wundersame 2:0 melden.

Nun war der Treppchenplatz – und die Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft – in greifbarer Nähe. Levi hatte seine Stellung inzwischen gedreht und Magnus ein komplett ausgeglichenes Turmendspiel erreicht. Mit einer aktiven Zugfolge erzwang Magnus eine Zugwiederholung und krönte seine starke Defensivleistung. Damit hatten wir 2,5 Punkte auf dem Konto und „die schönste Geschichte des Turniers“ geschrieben! Dass Levi seine Stellung leider doch noch entglitt und er seine einzige Niederlage im Turnier hinnehmen musste, konnten wir gut verschmerzen.

Mit Platz 3 fügten wir der NDVM-Historie von Königsspringer ein weiteres erfolgreiche Kapitel hinzu – nach Platz 2 im Jahr 1995 und Platz 1 im Jahr 2006. Auf der individuellen Ebene lässt sich der Erfolg an den satten DWZ-Gewinnen ablesen, die im Falle von Matheo sogar dreistellig ausfielen!

Selten hat so man viel DWZ-Plus auf einem Bild gesehen.

 

Bestes Hamburger Team waren damit nebenbei auch. Die Konkurrenz aus Blankenese und Wandsbek hatte unseren Lauf mit zunehmendem Staunen verfolgt und uns augenzwinkernd schon „Cheating“ unterstellt. Mit Verblüffung nahmen ihre Betreuer unser wahres Erfolgsgeheimnis zur Kenntnis: Einsammeln der Handys jeden Abend um 21 Uhr. Ist so etwas überhaupt mit den Menschenrechten vereinbar?

Natürlich ist es nach einem starken Ergebnis verlockend, es als geradezu zwangsläufige Folge richtiger Entscheidungen zu erklären: Top-Vorbereitung, richtige Mannschaftsaufstellung, mentale Stärke, etc. Zur Wahrheit gehört aber auch, wie jeder erfahrene Schachspieler weiß, dass man einfach auch das nötige Glück braucht, es eben „laufen muss“. Dass der Gegner im richtigen Moment auch mal patzt oder einen Gewinnzug übersieht, dass man eine Eröffnungsvariante aufs Brett bekommt, die man sich eher zufällig ein paar Stunden vorher angeschaut hatte, etc.

Damit soll die Leistung unserer Mannschaft natürlich überhaupt nicht geschmälert werden. Sie hat sich den 3. Platz absolut verdient. Am Brett waren die Jungs fast durchgehend hochkonzentriert und -motiviert, und die sich ihnen bietenden Chancen nutzten sie beinahe perfekt. Zwischen den Runden fanden sie die richtige Mischung zwischen Fokussierung und Lockerheit. Die Stimmung im Team war jederzeit harmonisch, Auswechslungen wurden ohne Murren hingenommen. (Ach ja, Simon, Rafael und Matheo gewann übrigens auch das Begleitturnier mit 4/5!)

Nehmen wir auch noch mit!

 

Sehr erfreulich fand ich schließlich auch das gute, teils sogar freundschaftliche Verhältnis unserer Spieler zu denen der anderen Hamburger Vereine.

Für die Rückfahrt war ich kurz in Versuchung, uns 1. Klasse ICE zu buchen, sah aus Rücksicht auf die Vereinsfinanzen dann aber doch davon ab und entschied mich für kostenlose Fahrt im Regionalzug. Diese verlief, anders als bei unserer U12-Mannschaft, zum Glück auch völlig reibungslos.

Zu danken ist abschließend den Organisatoren, die, gestützt auf ihre große Erfahrung, in jeder Phase des Turniers souverän und gelassen agierten. Alle Ergebnisse gibt es hier: https://hagener-schachverein.de/norddeutsche-vereinsmeisterschaft-2026-ak-u16/#ergebnisse

(Jan Peter Schmidt)